Ulrich Schödlbauer: Unter Brüdern I

»Sag Abe.«

»Sag Kai.«

»Abe Kai.«

»Kai Abe.«

»Abe Kai. Kai Abe.«

»Ein Anfang im Ungefähren.«

»Wer zu sprechen beginnt, hat nichts in der Hand.«

»Er halte sich an Worte.«

»Wenn er klug ist, an solche, die keine Erwartungen wecken.«

»Erwartungen sind ungebührlich.«

»Da steht der Tod.«

»Sie warten auf Antworten.«

»Ein bläulicher Absud.«

»Antworten geben ist seliger denn Antworten nehmen.«

»Wer gibt, dem wird gegeben.«

»Ich hörte Abschaum.«

»Er ist nah. Gleichgültig um das Gesagte. Er umstellt es. Wenn du hören wolltest, was ich zu sagen hätte, könnte ich vielleicht sagen: ein Absud in einer Tasse. Und ich würde vielleicht, falls du mir immer noch zuhörtest – aber vielleicht wäre mir das dann auch schon gleichgültig –, hinzufügen: in einer Tasse ohne Untersatz.«

»Ein wunderlicher Platz für eine Tasse.«

»Du sagst es. Vor allem, wenn man weiß, dass sie auf dem Rücken einer Hand steht, einer Hand, die – armlos schwebend – auf ihrer leicht abwärts geneigten, sozusagen abschüssigen Fläche den Trank jeman­dem darreicht, der das Bild noch nicht betreten hat, der vielleicht noch vor ihm verweilt oder innehält und sich gerade ein Taschentuch (ich würde es bereits ein Schnupftuch nennen) vor das Gesicht hält, die un­tere Gesichtshälfte, so dass das Bild Gelegenheit hat, sich auf die obere zu konzentrieren, den offenen, verständnislosen Blick eines Menschen, den die Nase juckt.«

»Ich sehe mehr. Ganz gut erkennt man am glasierten Schwung den Bruch, die Stelle, an der vordem der Henkel zu seiner fragwürdigen Kurve ansetzte, einer gefährlichen Kurve, wie man an dem henkellosen Pott nachträglich leicht erkennen kann, den man besser einen vom Schicksal enthenkelten nennen sollte. Dies letztere hat sich jedenfalls vom Schauplatz so weit zurückgezogen, dass man es ruhig vergessen kann, da es sich selbst vergessen zu haben scheint. So jedenfalls möchte ich den Staub gedeutet wissen, den die Bruchstelle angesetzt hat, und der, sollte man meinen, von der Vergeblichkeit des Bemühens zeugt, den entzweigegangenen Henkel aus dem Nächstgelegenen zu ergänzen. Ich...«

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß noch mehr. Ich weiß zum Beispiel, dass alle Dinge, wenn ihre Bahn sie suchen, nur die Leere finden.«

»Meinst du –?«

»Ja. Da ist ein Schmerz von Hohlem in unbewohnter Luft.«

»Von Hohlem?«

»Von Hohlem. Von Hohlem. Hörst du, wie es sich muldet, innen, in dir, im Zahnfleisch, aber auch im hinteren Teil deines Hüftknochens? Es sich dir wegnimmt und du gehst mit, Stück für Stück, auf ein Wort hin? Ich raune, ein Murmelsack, ein Sack voller Murmler, vor dir in den Staub geworfen, du drehst deine Angstpirouetten...«

»Ich höre und vergehe. «

»Das wird dir nichts nützen. Du schwindest. Ich bleibe.«

»Ich bleibe und du kommst mit. Was hast du davon, wenn einer von uns geht, der du nicht bist? Da du nicht der bist, der du nicht bist, bist du auch nicht der, zu entscheiden, ob der, der du nicht bist, ver­schwindet oder vom Hohlen vertilgt wird. Denke daran, dass der größere Teil der Hand, die auf den anderen zeigt, nach unten deutet. Nach unten. Gefal­tet wie das Kuvert eines Briefes, den sie nicht loslässt, nicht loslassen kann, da sie ja auf den anderen zeigt. Aber sie zeigt nach unten.«

»Ich habe Hoffnung.«

»Du hast Hoffnung.«

»Dass die Dinge sich wenden.«

»Das tun sie. Täglich, stündlich, minütlich.«

»Zum Guten wenden. Wenn nicht, dann...«

»... bleibt keine Hoffnung, ich weiß. Wenn die Schrift einmal ver­braucht ist, dann wird man sie an dieses Wort verschwendet haben. Eine unnütze Erfindung. Die Dinge wenden sich ab.«

»Das ist unhöflich. Sie wenden sich um. Sie heben sich davon.«

   © Acta litterarum 2011